Bauer Uwe Pötzsch vom Landwirtschaftsbetrieb Pötzsch in Jessen/Elster

Wie die Bisons nach Jessen kamen

Die Geschichte von Uwe Pötzsch aus Jessen bei Leipzig beginnt mit einer Krise: 1999 fiel die Weizenernte erschreckend mager aus. Um nicht noch einmal kurz vor dem Ruin stehen zu müssen, machte sich der Landwirt auf die Suche nach einem zweiten Standbein. Er las einen Artikel über Bisons und war gleich begeistert. Ein Film über die majestätischen wilden Bisons in den USA gab Uwe den Rest: „Das sind so imposante Tiere! Die sollen auf meinem Acker weiden!“ Bisons sind robust, urtümlich und fühlen sich mit alten, trockenen Gräsern sehr wohl – genau solche Tiere konnte er gebrauchen. Und Bisonfleisch ist doch auch eine Marktlücke! Hört sich wie ein Selbstläufer an. Doch so einfach war es dann doch nicht.

Uwe ist ganz schön nah mit seinen Bio-Bisons :)
Bauer Uwe Pötzsch, ganz nah bei seinen Bisons.

2005 besorgte sich Uwe von Bisonzüchtern zwei Deckbullen und 10 Kühe – die 500 bis 900 Kilogramm schweren Tieren brachten eine Menge Arbeit mit sich. Einen Stall brauchten sie zwar nicht, denn sie stehen das ganze Jahr über auf der 15 Hektar großen Weide. Aber ein ordentlicher Zaun musste her – der Aufbau dauerte Monate. Dann war es soweit, die zwölf Bisons kamen per Transporter und sollten ihr neues Zuhause in Augenschein nehmen. Der Puls von Uwe schlug schnell, würde alles gut gehen? Nein! „Das war so'n Mist! Da haben wir sechs Monate am Zaun gebaut, und dann laufen zwei Tiere da einfach so durch!“

Im schlimmsten Fall hätte Uwe die Abtrünnigen schießen lassen müssen, denn zurücktreiben lassen sich die Tiere nicht – zu gefährlich! Zum Glück haben sich die beiden nach einiger Zeit freiwillig wieder zu den anderen Tieren auf die Weide gesellt.

 

Mitten in Ostdeutschland echtes Westernfeeling

Nach kurzer Eingewöhnung fühlte sich die Herde schon bald wohl und die ersten Kälber kamen zur Welt. Und damit stand das Piercing an. In Deutschland müssen Rinder, Büffel, Schweine, Ziegen und Schafe mit Ohrmarken versehen werden. Diese Plastikohrringe geben die Herkunft und die Identität der Tiere an. Normalerweise werden Ohrmarken ein paar Tage nach der Geburt eingezogen. Das ist bei den Bisons aber nicht möglich: Die Herde lässt niemand an ihre Kälber heran. Deshalb hat Uwe eine Sondergenehmigung bekommen. Seine Bisonkälber bekommen erst im Alter von neun Monaten ihre Marke. Dazu wird die Herde durch ein Rondell in einen Behandlungsstand getrieben. Dort gibt’s die Ohrmarke, der Tierarzt nimmt bei der Gelegenheit gleich Blut ab und gibt ein Parasitenmittel.

Hinter den Bisons: das Rondell mit Behandlungsgatter.Das Rondell mit Behandlungsgatter hinter den Bisons.
(Rechts steht übrigens der Deckbulle.)

 

Hoftradition der Familie Pötzsch

Seit 1871 ist der Hof im Besitz der Familie Pötzsch und damit seit vier Generationen. Über die Jahre hat der Betrieb einige Umstellungen mitgemacht. Ganz nach dem Motto: ‚Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln’ ging der Hof von Privatbesitz in die LPG über und wieder in den Privatbesitz. Die Bewirtschaftungsweise hat sich auch geändert. Dank Uwe ist der Betrieb nun ein Bio-Hof mit Bisons und steht somit auf festen, vielversprechenden Beinen.

Link im Angesicht mit dem BisonInteressiertes Beäugen auf beiden Seiten :)

2017 hat Uwe seinen Betrieb nach Naturland-Richtlinien biozertifizieren lassen. Zum einen, „weil der Bio-Markt ein immer interessanteres Geschäftsfeld wird, und zum anderen, weil ich die ganzen Pestizide und Dünger nicht mehr um mich haben will!“ Daher bezieht er jetzt Grünschnittkompost und Gärreste aus einer benachbarten Biogasanlage.

Uwe bewirtschaftet seine Felder nach einer bestimmten Fruchtfolge, er baut seine Pflanzen in einer speziellen Reihenfolge an. So wird beispielsweise mit Kleegras – ein natürlicher Stickstoffdünger – der Boden für die Nachfolgefrucht vorbereitet. Diese Vorgehensweise ist im ökologischen Ackerbau wichtig und Standard, denn sie wirkt sich positiv auf die Bodengesundheit aus und schützt vor Unkraut und (Pflanzen)Krankheiten.

 

Bisonsteckbrief

Uwes Bisons sind amerikanische Bisons, quasi die Schwesterart der europäischen Wisente (die vom Aussterben bedroht sind). Nach neun Monaten Tragzeit gebären die Kühe meist je ein Kalb zwischen April und Juni. Dann wächst seine Herde auf etwa 30 Tiere an. (Alttiere, Kälber aus dem Vorjahr und Kälber aus dem aktuellen Jahr) Nicht mal zehn Minuten braucht ein Bisonkalb, um auf seinen eigenen Beinen zu stehen und mit der Herde mitzulaufen. Gesäugt werden die hellbraunen Fellknäule ein halbes Jahr. Danach reicht ihnen das Weidefutter (altes Gras mit möglichst niedrigem Eiweißgehalt). Im Winter gibt es Heu. Die meisten Bisons leben über zwei Jahre auf der Weide mit ihrer Herde zusammen, bevor sie nach 28 Monaten ohne Stress per Weideschuss aus der Herde genommen werden. Viel länger können sie nicht in der Herde bleiben, da sie nach drei Jahren geschlechtsreif werden. Pubertierende Bisonbullen kämpfen heftig um den Rang des Deckbullen. Eigentlicher Chef der Herde ist aber die Leitkuh. Die Kühe können übrigens bis zu 30 Jahre alt werden.

„Die Tiere sind ihr ganzes Leben tiergerecht in der Herde, haben keine Futtersorgen und sterben am Ende ohne Stress per Weideschuss. Ist doch ein super Bison-Leben!“ findet Uwe und genießt den Blick auf seine Herde.

Übrigens: die Tiere machen tatsächlich weder Muh, noch Mäh noch Oink - sie grunzen!

Wie macht das Bison? Muh, Mäh, Oink? Nein: Grunz!

Zu Besuch bei Bauer Uwe Pötzsch und seinen Bisons in Jessen. Hier führen wir die ersten Gespräche mit Uwe - aber eigentlich ging es uns darum euch mal grunzende Bisons zu zeigen ;)

 

 

Alle Hof-Infos noch mal ganz kurz im Bauernsteckbrief.

Bauer Landwirtschaftsbetrieb Pötzsch
Tiere etwa 30 Bisons auf 15 Hektar
Haltung ganzjährige Weidehaltung in muttergebundener Kälberaufzucht auf ca 15 Hektar Ackerland mit eiweißarmen Gräsern
Futter extensives Weidefutter, im Winter Heu (eiweißarm) 
Bio? Ja. Seit Herdengründung im Jahr 2005 EU-Bio-Siegel
Ackerbau seit 2017 Naturland
Metzger Schlachter René Hache zerteilt die Tiere in Viertel, diese reifen bei Gut Hirschaue und werden dort zerlegt bzw. verarbeitet.
Fleisch & Wurst Frischfleisch, Wurst